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Der Abgasskandal holt die Wohnmobil-Szene ein

NL | stvo.de - 21.06.2021

Fast sechs Jahre ist es mittlerweile her, dass der VW-Abgasskandal aufgedeckt wurde. Die kompletten Ausmaße des Betrugs sind jedoch auch heute noch nicht vollständig bekannt. So gerieten zuletzt auch Wohnmobile in den Fokus der Abgasskandal-Ermittlungen. Demnach sollen allein in Deutschland bis zu 200.000 Wohnmobile illegal manipuliert worden sein.

 

Wohnmobile auf Basis von Fiat- und Iveco-Modellen wurden manipuliert

Die Vorwürfe betreffen vor allem die Hersteller Fiat und Iveco. Der Fiat Ducato und die Iveco-Modelle Daily Hi-Matic, Daily 4×4 und Eurocargo werden bei mehr als zwei Drittel aller Wohnmobile als Basis genutzt. Insofern war der Schock in der Camping-Szene groß, als der Wohnmobil-Dieselskandal erstmals öffentlich thematisiert wurde.

Fiat steht bereits seit Längerem unter Manipulationsverdacht. Bereits im Jahr 2016 hat der Automobilzulieferer Bosch laut Medienberichten zugegeben, Fiat mit Gerätschaften beliefert zu haben, mit denen der italienische Automobilhersteller seine Diesel-Fahrzeuge illegal manipulieren konnte. Abgastests des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) sollen diese Vermutung anschließend bestätigt haben. Einen offiziellen Rückruf des Ducato ordnete die deutsche Zulassungsbehörde bislang jedoch nicht an.

 

Behörden verheimlichten den Wohnmobil-Abgasskandal jahrelang

Generell haben die Behörden den Wohnmobil-Abgasskandal nie aktiv in die Öffentlichkeit getragen. So geriet Fiat vor diesem Hintergrund erst 2020 in den Fokus der medialen Berichterstattung. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt führte im Sommer desselben Jahres nämlich Razzien in Geschäftsgebäuden von Fiat und Iveco durch.

Mit den sichergestellten Beweisen konnten die Ermittler die Manipulationsvorwürfe bestätigen. Nach einer Auswertung der gesicherten Objekte verkündete die Staatsanwaltschaft Frankfurt im Oktober 2020, dass der Abgasskandal bei Fiat und Iveco voraussichtlich sämtliche Diesel-Motoren der Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6 betrifft. Vor allem Wohnmobile sollen in Deutschland besonders häufig von den illegalen Manipulationen betroffen sein.

Das ist besonders brisant, da die Fahrgestelle und Motoren von Fiat und Iveco von nahezu jedem großen Reisemobil-Hersteller verwendet werden. Der Wohnmobil-Abgasskandal betrifft also auch die Besitzer von Wohnmobilen von Herstellern wie Hymer, Carthago, Knaus und Dethleffs. Mehr als 50 Hersteller sollen die manipulierten Modelle als Basis genutzt haben.

 

So wurden die Wohnmobile manipuliert

Details zu den Manipulationen hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt bislang noch nicht veröffentlicht. Allerdings sind dazu dennoch konkrete Informationen durchgesickert: So sorgen Abschalteinrichtungen in den Fahrzeugen dafür, dass die Abgasreinigung der Fiat- und Iveco-Fahrzeuge teilweise nach etwa 22 Minuten komplett abgeschaltet wird – Abgastests dauern im Normalfall nur 20 Minuten. Auch Thermofenster, die eine korrekte Abgasreinigung nur bei bestimmten Temperaturen zulassen, sollen zum Einsatz gekommen sein.

Dadurch wurden die Automobile für den Straßenverkehr zugelassen, obwohl die Fahrzeuge die die geltenden Umweltvorschriften im Normalbetrieb gar nicht erfüllen. Fiat und Iveco haben Schäden an Mensch und Natur in Kauf genommen, um den Einbau von teuren Abgasfiltern zu vermeiden. Letzteres hätte die Gewinnmargen der Automobilhersteller schließlich negativ beeinflusst.

 

Rechtsanwalt: Betroffene Wohnmobil-Besitzer haben Schadensersatzansprüche

Verbraucherrechtler sind sich sicher, dass die im Wohnmobil-Abgasskandal verwendeten Abschalteinrichtungen illegal sind. Das sieht auch der Rechtsanwalt Claus Goldenstein so: “Wenn ein Fahrzeug aufgrund einer Abschalteinrichtung im Normalbetrieb andere Abgaswerte erzielt als während offizieller Zulassungstests, ist das nicht zulässig. Diese Form der Abschalteinrichtung haben die Richter am Europäischen Gerichtshof eindeutig als illegal bewertet”, erklärt Goldenstein, der mit seiner gleichnamigen Kanzlei bereits mehr als 28.500 Mandanten im Abgasskandal vertritt.

Auch Wohnmobil-Besitzern empfiehlt der Verbraucheranwalt, die eigenen Rechtsansprüche in der Sache prüfen zu lassen: “Vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe konnten wir von der Kanzlei Goldenstein belegen, dass sich Volkswagen im Rahmen des Abgasskandals sittenwidrig verhalten hat. Betroffene Fahrzeughalter haben daher geltende Schadensersatzansprüche.

Von diesem Grundsatzurteil profitieren auch die Halter von manipulierten Wohnmobilen, die auf Basis von Fiat- und Iveco-Modellen gebaut wurden. Diese Wohnmobil-Besitzer wurden schließlich ebenfalls bei ihrem Fahrzeugkauf getäuscht und müssen nun mit den daraus resultierenden Konsequenzen leben: Ihr Wohnmobile haben die Umwelt jahrelang unerlaubt hoch belastet und könnten nun im schlimmsten Fall stillgelegt werden. Die manipulierten Wohnmobile sind innerhalb der EU nämlich eigentlich nicht zulassungsfähig.

Unter anderem deshalb drohen betroffenen Fahrzeughaltern auch enorme Wertverluste. Wir von der Kanzlei Goldenstein raten Wohnmobil-Besitzern daher, sich unbedingt rechtlich beraten zu lassen und stehen diesbezüglich für eine kostenfreie Rechtseinschätzung zur Verfügung.”

 

BGH-Richter stärken Verbrauchern den Rücken

Tatsächlich erwirkte Goldensteins Kanzlei im Mai 2020 ein Abgasskandal-Grundsatzurteil vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Damals verkündeten die BGH-Richter, dass der Mandant der Kanzlei sein manipuliertes Fahrzeug an den Hersteller zurückgeben darf und im Gegenzug eine Entschädigung erhält, die sich an dem ursprünglichen Kaufpreis orientiert.

Konkret setzen sich die Entschädigungszahlungen im Abgasskandal aus dem jeweiligen Kaufpreis abzüglich einer Nutzungsentschädigung zusammen. Letztere basiert auf der individuellen Laufleistung bzw. Nutzungsdauer des jeweiligen Fahrzeugs. Diese Nutzungsentschädigung wird fällig, da die betroffenen Halter die Fahrzeuge trotz des Skandals nutzen konnten und dadurch einen Wertverlust verursacht haben.

Ab dem Tag der Klage-Erhebung erhalten die betroffenen PKW-Besitzer jedoch Verzugszinsen zugesprochen, die diesen Wertverlust ausgleichen sollen und die jeweilige Entschädigungssumme erhöhen.

Darüber hinaus gibt es im Rahmen der Rechtsdurchsetzung im Abgasskandal auch die Möglichkeit, das eigene Fahrzeug zu behalten und dennoch Schadensersatzansprüche durchzusetzen. In diesem Fall riskieren die PKW-Halter zwar die künftige Stilllegung ihres Fahrzeugs, erhalten aber immerhin den entstandenen Wertverlust in Form einer Entschädigung ausgezahlt. In diesem Fall lassen sich etwa 20 bis 25 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises juristisch durchsetzen.

 

Rückrufe im Wohnmobil-Abgasskandal

Wer ein Wohnmobil der Abgasnorm Euro 5 oder Euro 6 besitzt, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Abgasskandal betroffen und sollte sich bezüglich seiner Rechte informieren. Experten gehen davon aus, dass die betroffenen Fahrzeughalter innerhalb der kommenden Monate auch in Form von offiziellen Rückrufen über ihre Betroffenheit vom Abgasskandal informiert werden.

Bislang zögern die italienischen Zulassungsbehörden, die für die Rückrufe einer Vielzahl der betroffenen Modelle verantwortlich sind, die Rückrufe noch raus. Daher ist der KBA-Rückruf eines Iveco-Modells bislang der einzige offizielle Rückruf im Wohnmobil-Abgasskandal. Allerdings hat die EU-Kommission bereits ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien eingeleitet, um den dortigen Kfz-Behörden in der Sache Druck zu machen.

 

Software-Updates im Wohnmobil-Abgasskandal

Wer ein offizielles Rückrufschreiben erhalten hat, muss sein Fahrzeug in eine Vertragswerkstattbringen, um dort eine Nachrüstung zu erhalten. Der verantwortliche Motorenhersteller ist in diesem Fall dafür verantwortlich, die Abgasreinigung der manipulierten Modelle zu normalisieren.

Dies gelingt durch ein Software- oder Hardware-Update. Im Normalfall setzen die Hersteller jedoch auf Software-Updates, da diese kostengünstiger sind. In diesem Fall wird die Manipulationssoftware entfernt, damit die Abgasreinigung künftig in jeder Situation korrekt funktioniert. Kfz-Experten argumentieren jedoch, dass diese Form der Umrüstung häufig zu schwerwiegenden Folgen für die betroffenen Halter führt.

 

Fahrzeugschäden durch Software-Updates

Im Rahmen des Abgasskandals wurden bereits mehrere Millionen Software-Updates an Fahrzeugen von Herstellern wie VW, Daimler und Opel durchgeführt – auch an Wohnmobilen. Beispielsweise werden auch die zurückgerufenen Mercedes-Benz-Modelle V-Klasse, Vito, Viano und Sprinter regelmäßig als Fahrgestelle für Wohnmobile verwendet.

Nach der Installation eines Software-Updates beschwerten sich viele PKW-Halter über Fahrzeugprobleme. So zählen ein erhöhter Kraftstoffverbrauch und sogar schwerwiegende Motorprobleme zu den unliebsamen Begleiterscheinungen eines Software-Updates. Folgeschäden nach Software-Updates entstehen unter anderem, da die Abgasfilter nach dem Update deutlich mehr belastet werden als zuvor. Für die damit verbundenen Reparaturkosten kommen die Hersteller in vielen Fällen jedoch nicht auf.

 

Abgasskandal betrifft noch weitere Hersteller

Dass der Abgasskandal mit dem Rückruf von manipulierten Wohnmobilen endgültig abgeschlossen sein wird, ist unwahrscheinlich. “Wir gehen davon aus, dass der Abgasskandal in den kommenden Jahren noch mehrere weitere Hersteller einholen wird”, schätzt der Rechtsanwalt Claus Goldenstein die Lage ein.

Tatsächlich stehen neben Fiat und Iveco nun unter anderem auch Peugeot und Renault unter Manipulationsverdacht. Die französische Justiz eröffnete zuletzt Ermittlungsverfahren gegen die Automobilhersteller. Branchenexperten sprechen sogar davon, dass nahezu jeder Hersteller von Diesel-Fahrzeugen illegale Abschalteinrichtungen entwickelt und eingesetzt haben soll.

 

Autor: Nils Leidloff